In Sonic Forces ergreift Dr. Eggman die Weltherrschaft

Seit nunmehr 26 Jahren versucht Dr. Eggman – früher noch unter seinem bürgerlichen Namen Dr. Robotnik – die Weltherrschaft an sich zu reißen und seit 26 Jahren macht ihm der blaue Igel Sonic immer wieder rechtzeitig einen Strich durch die Rechnung. Doch aus Fehlern wird man – wenn auch im Falle des wahnsinnigen Wissenschaftlers erschreckend langsam – schlau und so schaltet Eggman bereits zu Beginn von Sonic Forces seinen langjährigen Widersacher aus, bevor er endlich erreicht, wovon er immer geträumt hat: Die Weltherrschaft ist sein.

Doch so eine Welt will nicht nur erobert, sondern auch beherrscht werden und hierbei offenbaren sich die ersten Probleme für Eggman, denn sein neuester Plan zur Weltherrschaft bediente sich eines mächtigen Wesens namens Infinite, das Grenzen zwischen Paralleluniversen aufweichen kann. Auf diese Weise schafft es Classic Sonic, bekannt von den Mega Drive-Titeln und Sonic Mania, wieder einmal in die Welt des modernen Sonics und kann fortan die Widerstandsbewegung rund um Knuckles unterstützen. Damit nicht genug, unterstützt obendrein ein Neueinsteiger namens Avatar das Widerstandsteam. Schlussendlich sei natürlich nicht zu viel verraten, wenn man sagt, dass auch der moderne Sonic alsbald wieder mit dazu stößt und das Trio im Spiel abschließt.

Der Avatar kann (und muss) vom Spieler individuell zusammengestellt werden, dabei sind allerdings nur zwei Einstellungen wirklich von Belang. Einerseits wählt man eine Tierart – diese Wahl bleibt dann bis zum Beenden der Hauptstory fix – andererseits einen Wispon, eine Waffe, die die aus Sonic Colours bekannten Wisps als Munition verwendet. Alle anderen Einstellungen sind rein kosmetischer Natur. Die Bauteile für den Avatar sind zunächst sehr begrenzt, im Spiel gibt es aber eine riesige Liste an Missionen, die der Spieler erfüllen soll. Für jede erfolgreich abgeschlossene Mission erhält man ein Überraschungspaket an neuen Wisp-Bauteilen. Wer hier an Lootboxen denkt, mag in Hinblick auf die Präsentation richtig liegen, die Inhalte dieser Boxen sind aber von den Designern fest vorgegeben und die Boxen können nur durch das Beenden der (endlich vielen) Missionen verdient werden. Wer nicht auf Achievement-Jagd geht, der kann alle Inhalte von Sonic Forces garantiert ohne Grinding oder Redundanz spielen. Tatsächlich enthalten die Missionen auch die interessantesten Herausforderungen des Spiels, doch dazu später mehr.

Sonic Forces bietet im Hauptspiel insgesamt 30 Level, die sich auf insgesamt fünf verschiedene Typen aufteilen. Der moderne Sonic bietet eine Kombination aus 2D- und 3D-Jump & Run-Szenen und bietet mit seiner Boostfähigkeit klar den größten Adrenalinschub des Spiels. Der Avatar spielt sich sehr ähnlich wie der moderne Sonic, bringt aber zusätzlich eine Wisp-Fähigkeit mit sich – abhängig davon, welchen Wispon man für ihn ausgewählt hat. Zwar muss der Avatar auf die Boostfähigkeit seines blauen Freundes verzichten, dafür kann er aber den Wispon nach Belieben als Waffe einsetzen. Zusätzlich kann man, wenn man die farbig passenden Wisps im Level gesammelt hat, deren Fähigkeiten, beispielsweise Schweben oder Ringreihen entlangrennen, einsetzen. Insofern spielt der Avatar sich, eine sinnvolle Wispon-Wahl für das jeweilige Level vorausgesetzt, sehr wie Sonic in Sonic Colours.

In einem dritten Leveltyp laufen Sonic und der Avatar gemeinsam durch die Level und kombinieren ihre Fähigkeiten: Der Spieler kann sowohl boosten, als auch den Wispon einsetzen. Eher eine Spielerei ist hingegen der Doppelboost, der an ausgewählten Stellen eingesetzt werden kann, aber im Grunde genommen nicht mehr ist als eine kurzzeitige fast automatisch ablaufende Sequenz. Zum Glück wurde der Doppelboost auch nur sehr spärlich eingesetzt. Der klassische Sonic hingegen ist auf 2D-Level und sein Moveset aus Sonic Mania beschränkt: Das bedeutet, dass er neben den aus den Mega Drive-Spielen bekannten Fähigkeiten nun auch den Drop Dash einsetzen kann. Auch wenn der klassische Sonic mit einer eigenen Spielphysik daher kommt, die voll auf 2D-Hüpferei ausgelegt ist, seien Puristen aber gewarnt, die Entwickler haben nicht versucht, die Physik der Mega Drive Spiele exakt nachzubilden, sondern haben eine eigene Physik gewählt, die vor allem auf eine höhere Grundgeschwindigkeit ausgelegt ist. Schließlich kann ein Level auch schlicht ein Endgegnerkampf sein.

Wer meine Sonic Tests der letzten Jahre gelesen hat, der wird sich erinnern, dass eine Konstante aller Sonic-Tests seit 2011 ist, dass ich eine zu ausladende Levellänge beklagt habe. Mit Levels, die bisweilen deutlich über 10 Minuten dauerten war ein voller Arcade-Geschwindigkeitsfokus nur schwer ordentlich umzusetzen. Bei Sonic Forces haben die Entwickler sich dieser Kritik allerdings ein wenig zu stark angenommen, denn die Level sind nun sehr kurz geraten, gerade in der ersten Spielhälfte sogar ziemlich deutlich zu kurz. Zieht man die in einigen Levels auftauchenden automatisch ablaufenden Sequenzen ab, sind einige frühe Level nur etwa eine Minute lang, kein Level im Spiel dauert länger als fünf Minuten. In der Konsequenz kann man sich schnell errechnen, dass das reine Durchspielen von Sonic Forces ein recht kurzes Unterfangen darstellt.

In Hinblick auf den Schwierigkeitsgrad des Spiels haben die Entwickler sich der Kritik an Sonic Lost World, das sehr streng mit seinen Leben war, angenommen und das komplette Lebenskonzept gleich über den Haufen geworfen. In Sonic Forces werden zwar die Versuche gezählt, die man benötigt hat, um ein Level zu absolvieren – mit Einfluss auf die Gesamtpunktzahl – aber ein Game Over weil man all seine Leben aufgebraucht hat, gibt es nicht, man kann beliebig oft neu starten. In der Kombination werden viele Spieler, die Sonic einfach nur einmal bis zum Abspann spielen wollen, selbst zum Budgetpreis von knapp 40€ unzufrieden sein.

Ein anderes Bild ergibt sich allerdings für Spieler, die die ganzen Nebenaufgaben im Spiel angehen wollen. Zunächst einmal gibt es noch zwölf kleine, aber knackige Zusatzlevel, darüber hinaus aber  auch noch eine ganze Menge an Zusatzaufgaben in jedem Level. So gibt es in jedem Level einen S-Rang zu erspielen, sowie fünf rote Ringe, dann fünf nummerierte Ringe und schließlich fünf silberne Münzen zu sammeln. Die roten Ringe sind auf alternativen Wegen im Level versteckt, die nummerierten Ringe und die fünf silbernen Münzen sind hingegen an einer Stelle im Level nah beieinander platziert und erfordern vor allem Geschick und Timing, um sie einzusammeln. Darüber hinaus gibt es für die meisten Level noch Zeit-Missionen, die die deutlich anspruchsvollsten Aufgaben im Spiel darstellen. Um die Zeiten der Zeit-Missionen zu erreichen, muss man sich mit Level und Charakter schon sehr gut auskennen und nicht selten stellt man erst bei der Zeitmission fest, wie viel Detailarbeit in den Levels steckt, durch die man gerade saust. Um diesem Umstand eine Dimension zu geben sei angemerkt: Der Abschluss der Story ist in drei bis vier Stunden Spielzeit möglich, wer alle Missionen erfolgreich abschließen möchte, sollte ca. 30 Stunden Spielzeit einplanen.

Schließlich sei noch ein schnelles Wort zu dem Downloadinhalt zum Spiel verloren, dieser ist nämlich, jedenfalls derzeit, kostenfrei verfügbar und fügt dem Spiel eine zusätzliche Prologstory mit Shadow in der Hauptrolle hinzu, die mit drei etwas schwierigeren neuen Levels vom Typ des modernen Sonics daher kommt. Technisch kann Sonic Forces vor allem mit den flüssigen 60 Bildern in der Sekunde überzeugen. Bisherige Boost Sonic-Spiele sind leider auf die halbe Bildrate beschränkt gewesen, einem so schnellen Spiel tut eine höhere Bildwiederholrate aber sichtlich gut. Im Gegenzug ist der optische Fortschritt im Vergleich zum Xbox 360-Vorgänger Sonic Generations marginal, an manchen Stellen sieht Sonic Forces in Bildern sogar etwas schwächer aus als Sonic Generations. Switch-Nutzer spielen bei Sonic Forces übrigens genau dasselbe Spiel wie die hier getestete Xbox One-Fassung, müssen aber mit einer Bildwiederholrate von 30 Bildern pro Sekunde Vorlieb nehmen und zusätzlich einige Einbußen in Sachen Beleuchtung und Texturqualität hinnehmen.

Sonic Forces bietet ein sehr intensives und unterhaltsames Spielgefühl, wenn man sich als Spieler darauf einlässt. Allerdings muss man den geringen Umfang der Hauptstory und die geringe Anstrengung seitens Sonic Team, die Zusatzinhalte zu präsentieren, kritisieren. Besonders die wirklich gut bemessenen zeitbasierten Missionen hätten eine prominentere Platzierung als in einem separaten Missionsmenü verdient. Im Ergebnis ist Sonic Forces ein sehr gutes Spiel für Sonic-Fans, aber für Spieler, die nur auf dem schnellsten Weg zum Spielende gelangen wollen, selbst zum Sparpreis wahrscheinlich keine gute Wahl.

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