Wolfenstein 2: The New Colossus und warum es Anwärter auf den besten Shooter 2017 ist

Gute Singleplay-Shooter sind heute relativ rar gesät. Klar, ein jedes Call of Duty oder Battlefield kommt stets mit einer Kampagne daher, doch Titel, bei denen der Fokus einzig und alleine auf der Solo-Erfahrung beruht, das kommt ungefährt so häufig vor, wie der HSV in der Bundesliga einen Dreier einsackt. Glücklicherweise gibt es aber noch Bethesda Soft und Machine Games, die mit Wolfenstein 2: The New Colossus auf dem famosen Vorgänger von vor drei Jahren aufbauen.

Erneut schlüpfen wir also in die Haut des Kriegshelden mit dem nahezu unaussprechlichen Namen, BJ Blazkowicz, um der Herrschaft des deutschen Regimes ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Während außerhalb der deutschen Grenze gewohnt Hakenkreuze und Führer präsent sind, wurde für die hiesige USK-Fassung erneut die Schere angesetzt. Sämtliche direkte Bezüge zum Nationalsozialismus wurden entfernt, natürlich fällt es einem dennoch nicht schwer, die mehr als nur eindeutigen Analogien herzustellen. Was den Grad an Brutalität hingegen anbelangt, hatte die USK scheinbar keine Probleme – Wolfenstein 2 ist hierzulande genau so unerbitterlich und blutig, wie die anderen Versionen.

The New Colossus setzt direkt an die Geschehnisse des Vorgängers an. Wir befinden uns demnach im Jahr 1961. Wo in der Realität so langsam die Mauer gebaut wurde, ist im fiktiven Szenario von Wolfenstein 2 immer noch das germanische Regime an der Macht. Und das passt unserem Helden BJ natürlich immer noch nicht. Also macht er sich einmal mehr daran, den Befehlshabern ein Schnippchen zu schlagen. Das ist nun eine ziemlich oberflächliche Beschreibung der Ausgangssituation von Wolfenstein 2, allerdings haben wir diese bewusst gewählt: Die Handlung von The New Colossus ist nämlich wieder sehr spannend, greift viele ernste Themen der damaligen (und erschreckenderweise auch heutigen) Zeit auf, würzt sie aber mit einer gelungenen Prise Humor. Das Ergebnis kann sich wie beim Vorgänger sehen lassen, auch Dank der rasanten Inszenierung und den mitunter erinnerungswürdigen Charakteren.

Spielerisch baut Machine Games auf den Stärken des Vorgängers auf. Wobei „aufbauen“ vermutlich etwas zu viel gesagt ist. Wenn man ehrlich ist, gibt es eigentlich keine großartigen spielerischen Neuerungen. Ein Grund zum Weinen ist das allerdings nicht. Immernoch fühlt sich Wolfenstein 2 nach genau der richtigen Mischung aus modernen und „old-school“-lesken Gameplay an – in der heutigen Zeit ein sehr seltenes Phänomen. Vor allem, wenn das so gut gelingt wie hier. Die vielen Missionen spielen nicht nur an zig abwechslungsreichen Schauplätzen statt (darunter ein U-Boot, Bunkeranlagen oder nuklear-zerstörte Umgebungen), sondern erweisen sich auch als spielerisch als erstaunlich vielfältig. Das hat prinzipiell drei Gründe: Die vielen unterschiedlichen Gegner-Varianten, die nicht nur recht clever agieren, sondern auch zum Teil verschiedene Taktien erfordern, die zahlreichen aufmotzbaren Schießprügel sowie das stets gelungene Leveldesign. Letzteres ist zwar im Grunde recht linear aufgebaut, bietet aber dennoch genügend Freifraum für die eine oder andere Erkundung, die sich nicht selten lohnt – sei es nur für Medipacks (eine Auto-Heilung gibt es auch dieses Mal wieder nicht), für die begehrten Waffen-Mods oder sonstige Sammelobjekte.

Obwohl Wolfenstein 2: The New Colossus natürlich den Fokus auf anspruchsvollen Ballereien legt, wird auch das Schleichen belohnt. Wie im Vorgänger könnenw wir BJ wie in einem Light-Rollenspiel in diversen Kategorieren aufleveln, je nachdem, wie unsere Spielweise ausfällt. Dadurch lassen sich viele Situationen auf verschiedene Weisen angehen. Zwar wird bei einem zweiten Durchgang so kein komplett neues Spiel aus Wolfenstein 2, dennoch sind die kleineren Freiheiten in der Herangehensweise sehr willkommen. Ein Dishonor sollte allerdings keiner erwarten.

Die einzige richtige Neuerung gegenüber dem Vorgänger sind wohl die Attentäter-Missionen. Zwischen der Hauptmissionen könnt ihr euch in diese Neben-Aufgaben stürzen und hochrangige Offiziere ausschalten – natürlich wird das gut belohnt, meist in Form der effektiven Waffenkits. Wie auch die Hauptmissionen sind diese Neben-Quests sehr anspruchsvoll und machen aus Wolfenstein 2: The New Colossus ein sehr rundes und durchaus umfangreiches Gesamtpaket – und das ganz ohne (aufgesetzten) Mehrspieler-Modus.

Wo Wolfenstein drauf steht, steckt freilich auch Wolfenstein drin. Nicht nur was die zum Teil (gewollt) überzogene Gewaltdarstellung anbelangt, sondern auch was das Gunplay betrifft. Ein nicht gerade unwichtiger Faktor bei einem Shooter. In dieser Hinsicht braucht sich The New Colossus vor einem Destiny 2 nicht verstecken. Zwar flutscht die Steuerung nicht ganz so elegant wie bei Bungies Shooter-MMO, was allerdings auch daran liegt, das Machine Games keine so starke Zielhilfe eingebaut hat. So muss man sich also etwas mehr anstrengen, dafür fühlen sich die Ballerien ein gutes Stück befriedigender und wuchtiger an – das Trefferfeedback ist sehr gelungen!

Technisch machte Wolfenstein: The New Order vor drei Jahren zwar einen guten, aber zum Teil auch etwas altbackenen Eindruck. Ganz anders The New Colossus heute: Dank id-Tech 6 kann der Titel optisch ordentlich punkten. Klar, Settings-bedingt herrschen mitunter die Braun- und Grautöne vor, was gewissermaßen auf Dauer etwas „monoton“ sein kann (aber stets passend!), doch rein technisch überzeugt Wolfenstein 2 mit tollen Effekten, gelungenen Animationen und größtenteils auch scharfen Texturen. Besonders gefallen aber vielen liebevollen Details, wodurch jedes Level sehr atmosphärisch rüber kommt. Und das Beste: Im Gegensatz zum Vorgänger läuft die Action dieses Mal deutlich runder.

Ihr seht schon, viel Auszusetzen haben wir an Wolfenstein 2: The New Colossus nicht. Wenn man überhaupt etwas kritisieren möchte, dann, dass Machine Games keine wirklichen spielerischen Neuerungen auffährt. Doch wirklich stören tut das nicht – dazu ist das Gebotene einfach zu gut. Die Missionen sind umfang- und abwechslungsreich, das Sammeln von Waffenkits etc. motivierend und die atmosphärische Story spannend und gekonnt inszeniert. Wer also einfach mal wieder Lust auf einen richtig guten „Oldschool“-Shooter ohne Mehrspieler-Fokus hat, der ist hier an genau der richtigen Adresse.

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