Ist BioWares Neustart der Rollenspiel-Reihe mit Mass Effect: Andromeda geglückt?

Böse Zungen behaupten ja, seit BioWare von EA im Jahre 2007 aufgekauft wurde, dass die Kanadier stark an Qualität eingebüßt hätten. Zugegeben: Nicht jeder Handgriff in den vergangen zehn Jahren war ein gelungener – die umstrittenen Nachfolger von Dragon Age: Origins oder auch das viel diskutierte Ende von Mass Effect 3 zeugen davon. Aber das nur auf den Aufkauf seitens EA zuzuschreiben, ist dann doch weithergeholt, immerhin erschienen ja auch die jeweiligen Erstlinge von Dragon Age und Mass Effect unter der EA-Flagge.

Warum wir damit überhaupt anfangen? Nun, weil diese Tage Mass Effect: Andromeda erschienen ist. Der vierte Teil der enorm erfolgreichen Science-Fiction-Reihe, der für BioWare einen recht hohen Wert haben dürfte. Zum einen, weil Teil 4 sich vom Erbe der Serie lösen möchte, quasi einen Neuanfang seit dem umstrittenen Ende von Mass Effect 3 darstellt – und für die Kanadier gleichermaßen. Das letzte Großprojekt der Entwickler, Dragon Age: Inquisition, konnte zwar größtenteils gute Kritiken in der Fachpresse einfahren, die Spielerschaft nahm das Rollenspiel allerdings eher verhalten auf – der gute Ruf musste nach dem noch umstritteneren Dragon Age 2 weiter leiden.

Nun also Mass Effect: Andromeda, für das BioWare im Vorfeld viele Versprechungen machte: Das Ende von Mass Effect 3 soll keine Rolle spielen. Die langweiligen und extrem vielen Sammelaufgaben aus Dragon Age: Inquisition werden durch spannende Nebenaufgaben ersetzt. Die Charaktere wieder mehr in den Vordergrund rücken und das stellenweise undurchschaubare und gleichzeitig aufgesetzt wirkende Crafting einer vernünftigen Alternative weichen. Versprechen über Versprechen – und die große Frage: Welche haben die Entwickler in die Tat umgesetzt?

Versprechen 1, die Story ohne jegliche Altlast neu anzusetzen, das ist den Jungs und Mädels von BioWare schon einmal gut gelungen. Mass Effect: Andromeda spielt quasi parallel zu Mass Effect 2 und somit kurz vor den Ereignissen von Teil 3, erzählt aber eine komplett eigenstände Geschichte, die nur sehr rudimentär auf die ursprüngliche Reihe zurückgreift. Während Commander Shepard damit beschäftigt ist, die Reaper aufzuhalten, verfolgt die Andromeda Initiative ganz eigene Ziele – die Erkundung ferner Planeten in noch ferneren Galaxien. Also schraubt man schnell vier Archen zusammen, die Zehntausende Kolonialisten zu einer neuen Heimat bringen soll. Hört sich einfach an und dauert auch nur knapp 600 Jahre, läuft aber selbstredend nicht ohne Probleme ab. Nur ein Schiff, die Hyperion, kommt nämlich in der Andromeda-Galaxie an. Immerhin: Dort wartet ein vielversprechender Planet, Habitat 7, auf die Menschen.

Mit an Bord der Hyperion: Familie Ryder. Der Spieler entscheidet sich zu Beginn der Partie, ob man als Zwilling Scott oder als Zwilling Sara die Mission antritt, ganz unter der Führerschaft von Papa und Ober-Pathfinder Alec. So begibt man sich mit Daddy zusammen auf Habitat 7, um herauszufinden, ob der Planet wirklich so toll ist. Unnötig zu erwähnen, dass er das nicht ist – und obendrein ganz neue Probleme auftauchen, zum Beispiel die neue Alien-Rasse der Kett, die so gar nicht mit den Menschen können. Apropos Alien: BioWare hat im Vorfeld nicht selten betont, dass man sich als Spieler selbst als Alien fühlen soll, immerhin sind wir es ja, die eine neue Galaxie erforschen. Und tatsächlich: Das Gefühl der „Fremdseins“ und das des „Pfadfinders“ bringt Mass Effect: Andromeda sehr gut rüber. Wenn man mit seiner Crew neue Planeten entdeckt und diese auskundschaftet, fühlt man sich tatsächlich wie ein echter Abenteurer.

Gerade Fans der Videospiel-Reihe dürften auf ihre Kosten kommen – neue Planeten entdecken, fremde Rassen (leider nur eine!) kennenlernen und generell eine andere Seite der Franchise kennenlernen, das ist schon spannend. Schade nur, dass die Charaktere etwas hinter den Erwartungen zurückbleiben. Das Problem: Commander Shepard und seine Crew waren seinerzeit markante Figuren, mit Ecken und Kanten, die lange in Erinnerung bleiben und mit denen man sich schnell identifiziert. Genau hier hakt es ein wenig. Die Ryders sind ja ganz nett, was gleichermaßen für deren Begleiter gilt – doch so richtig will der Funke, zumindest bei uns, nicht überspringen. BioWare versucht dabei einen ähnlichen Ansatz wie Ubisoft bei Watch Dogs 2 – die Ryders sind junge, coole Zeitgenossen, ebenso der Großteil der Belegschaft, teilweise etwas zu sehr auf „hipp“ eingestellt. Das wirkt in manchen Dialogen etwas lächerlich, wenngleich die Gespräche erneut eine große Stärke und sehr gut geschrieben (und eingesprochen) sind. Versprechen Nr. 2 konnten die Kanadier also nicht ganz erfüllen. Schade ist zudem, dass man zwar hier und da wieder Entscheidungen treffen muss, diese aber gefühlt noch weniger Konsequenzen haben, als früher. Mit Ausnahme bei der Wahl des Partners, natürlich. BioWare bleibt sich da selbst treu!

Und spielerisch? Nun, auch hier zeigt Mass Effect: Andromeda Licht und Schatten. Grundsätzlich kann man nicht viel meckern. Gerade die Erkundung der Planeten macht wie erwähnt sehr viel Spaß, zumal BioWare Versprechen Nr. 3 zu einem Großteil erfüllt: Langweilige Suchmissionen gehören (fast) der Vergangenheit an. Ja, es gibt sie noch, aber bei weitem nicht mehr so nervig wie in Dragon Age: Inquisition. Und sie sind deutlich besser in den Spielverlauf bzw. die Handlung integriert – nicht wenige anfangs anmutend öden Suchaufträge entwickeln sich sogar plötzlich zu komplexen und interessanten Nebengeschichten. Da stört es auch gar nicht so sehr, dass man viele Planeten wie beim Erstling gar nicht direkt erkunden kann, sondern sie wieder einmal mit einem Minen-Minispiel nur abscannt.

Wer sich vor dem Spielen die diversen Gameplay-Trailer zu Mass Effect: Andromeda angesehen hat, dürfte einen nicht ganz korrekten Eindruck von dem Spiel bekommen. So hatte man schnell das Gefühl bekommen, dass der vierte Ableger nur noch auf Action setzt. Tatsächlich verbringt man den Großteils des Spiels außerhalb der Gefechte, die aber zugegebenermaßen schon ordentlich Action-betont ablaufen. Das war schon bei den Vorgängern so, geht in Andromeda aber nochmals einen Schritt weiter. Als Beispiel sollen die Crew-Mitglieder dienen, die ihr leider gar nicht mehr mit Waffen etc. ausstatten dürft und denen ihr auch keine gezielten Befehle mehr geben könnt. Ok, ihr dürft immer noch sagen, wen sie angreifen sollen oder wo sie hin sollen (was ziemlich unnötig ist, die KI bekommt das alleine ganz gut hin), aber das Spiel pausieren und gezielt die Fähigkeiten einsetzen lassen, das bleibt euch dieses Mal untersagt.

Um den Action-Fokus noch weiter zu untermalen, stattet euch die Andromeda Initiative mit nigelnagel neuen Schubdüsen aus. Die könnt ihr kurzzeitig als Jetpack verwenden oder euch blitzschnell von links nach rechts düsen lassen. Dadurch gewinnen die Ballereien nochmals an Dynamik, das automatische Deckungssystem erledigt sein Übriges – das zwar gut, aber nicht ganz so gut wie bei einem richtigen Deckungsshooter (Gears of War, Uncharted) funktioniert. Mass Effect-typisch dürft ihr euren eigenen Charakter natürlich munter skillen (drei Techbäume stehen zur Auswahl) und eure Waffen mit Mods und besonderer Munition wie Brandgeschosse aufmotzen. Es steckt also durchaus noch Rollenspiel in Mass Effect: Andromeda, aber so langsam aber sicher zeigt der Zeiger in Richtung Richtung Action.

Einen Mehrspieler-Modus gibt es auch in Mass Effect: Andromeda wieder, der sieht dieses Mal allerdings anders aus. Hier stehen sogenannte Strike Teams auf dem Plan, denen ihr euch anschließt und so alleine mit der KI oder im Koop-Modus absolviert. Die sind nicht besonders originell, aber durchaus herausfordernd. Belohnungen dürft ihr auch in der Kampagne verwenden. Wer nicht selbst Hand anlegen, aber dennoch die Strike-Missionen angehen möchte, kann das auch machen – dann schickt man einfach KI-Teams auf Missionen, die im Hintergrund agieren und deren Erfolg von der gewählten Ausrüstung abhängt – ähnlich wie seinerzeit den Bruderschafts-System in Assassin’s Creed Brotherhood.

Zu guter Letzt steht natürlich noch die Frage der Technik an. Glücklicherweise gibt es hier nicht viel zu meckern. Mass Effect: Andromeda mag es nicht mit der optischen Brillanz eines Horizons: Zero Dawn aufnehmen können, ist aber dennoch sehr hübsch. Gerade die abwechslungsreichen Planeten mit all ihren hübschen Details verzücken das Spielerauge. Auch die Texturen sind, größtenteils, scharf. Weniger gut gefallen uns hingegen die stellenweise auftreten Ruckler, die sich zwar nicht zu sehr auf das Spielgefühl auswirken, aber dennoch hier und da spürbar sind. Viel diskutiert wurde bereits über die emotionslosen Gesichter der Charaktere. Ja, es gibt mitunter einige Dialoge mit starren Blicken und wenig mimischen Spiel. Aber ganz so schlimm, wie sie teilweise dargestellt wird, ist die Mimik nun auch wieder nicht. Wo wir wirklich überhaupt nicht meckern können, ist der Sound. Serien-typisch überzeugen die deutschen Sprecher durch die Bank und der packende Soundtrack untermalt das Abenteuer.

So gibt es bei Mass Effect: Andromeda durchaus noch Luft nach oben, aber der Neuanfang ist durchaus gelungen. Gut möglich, dass einem die Charaktere, die ja weiß Gott nicht verkehrt sind, im Laufe der neu angedachten Trilogie weiter ans Herz wachsen. Spielerisch würden wir uns zwar wieder etwas mehr RPG wünschen, aber nichts desto trotz machen die actionreichen Scharmützel auch so Laune, wenngleich die Gegner-KI nicht so clever agiert, wie die der eigenen Kameraden. Das Missiondesign ist größtenteils gelungen und auch technisch gibt es nicht allzu viel zu meckern. BioWare ist auf einem guten Weg, sollte aber hier und da beim Nachfolger noch an den richtigen Stellschrauben drehen.

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