For Honor: Ubisoft wetzt die Schwerter für den großen Angriff

Richtig komplexe Schwertkämpfe findet man in Videospielen erstaunlich selten. Im Online-Bereich sogar noch seltener. Ubisoft will mit For Honor nun Abhilfe schaffen. Wir haben uns für euch in etliche Schlachten und Duelle gestürzt und verraten euch, was uns an dem Spiel gefällt – und was nicht.

Lange Zeit hat Ubisoft kein Wort über den Einzelspieler-Modus von For Honor verloren. Und das vermutlich aus gutem Grund: Die Story rund um den seit 1000 Jahren andauernden Krieg zwischen Wikingern, Samurai und Ritter ist wenig innovativ und spielerisch ziemlich belanglos. Viel mehr als sich stupide durch KI-Bots zu schlagen und linearen Wegen zu folgen, gibt es nicht. Allerdings: Die 18 Missionen sind immerhin ganz nett inszeniert und verströmen ordentliche Schlachtenstimmung, dank der sehr guten KI machen zumindest die Bossduelle Laune. Trotzdem: Mehr als eine Art Einstieg für den Online-Part taugt die Kampagne nicht. Ärgerlich vor allem: Der Only-On-Zwang selbst in der Kampagne.

Egal, wegen der Kampagne dürfte man For Honor ohnehin nicht unbedingt kaufen wollen. Was den Online-Part, insbesondere die spannenden Schwertkampf-Duelle, betrifft, allerdings schon. Ubisoft orientiert sich dabei an Theater-Kämpfen, was zunächst einmal simpel klingt: Euer „Kampffeld“ ist in drei Bereiche gegliedert, was gleichermaßen mit eurer Deckung einhergeht. So haltet ihr eure Waffe wahlweise links, rechts oder nach oben gerichtet. Ein Dreieck zeigt euch dabei an, wie eure aktuelle Haltung ist – und die eures Gegenüber. Ihr habt jederzeit im Blick, welche Haltung euer Feind derzeit eingenommen hat. Die Kunst ist es nun, seine Deckung zu umgehen, gleichzeitig seine eigene aber nicht zu missachten. Garniert wird das Ganze dadurch, dass ihr wahlweise leichte oder harte Treffer landen könnt, ganze Komboketten vom Stapel lasst oder mit einem beherzten Schubser euch Platz verschafft. Auch Ausweich-Manöver spielen eine wichtige Rolle, Parieren ebenso. In der Summe ergeben sich daraus einige Möglichkeiten, wodurch die Kämpfe richtig anspruchsvoll werden. Und enorm spannend. Tatsächlich fällt mir gerade kein vergleichbares Spiel ein, das eine solch spannende Schwertkampf-Mechanik aufweist.

Wer For Honor das erste Mal spielt, sollte zunächst keine zu hohen Ansprüche an sich selbst haben. Bis man mit der Steuerung und der Kampfmechanik vertraut ist, dürften einige Duelle ins Land ziehen. Neulinge sollten unbedingt die beiden Tutorials absolvieren. Doch damit alleine ist es noch nicht getan. 12 Helden bietet For Honor, je vier Helden pro Fraktion. Tatsächlich spielt sich jeder Charakter komplett anders, bietet eigene Finessen und Kombos. Dazu besitzt jeder Held seine eigene Ausrüstung, ist individuell gestaltbar und bringt eigene „Gaben“ mit. Das sind Perks, die ihr euch innerhalb einer Schlacht ähnlich wie bei einem MOBA verdient. Toll: Jeder Charakter verdient sich seine Gaben individuell schneller, was verschiedene Spielweisen fördert. Die Friedenswächterin der Ritter zum Beispiel ist besonders effektiv in der Jagd auf andere Spieler, während der Wächter (ebenfalls Ritter) schneller Zonen einnehmen kann und die eigenen KI-Krieger boostet – dazu gleich mehr. So mag man sich zwar irgendwann in die grundlegende Kampfmechanik von For Honor eingespielt haben, durch die verschiedenen Helden und Spielweisen wird Monotonie aber erstaunlich gut einen Riegel vorgeschoben.

Und das ist auch wichtig, denn was die Spielmodi anbelangt, könnte For Honor noch etwas Nachholbedarf vertragen. Zu Beginn stehen euch lediglich Duelle (Einer- oder Zweier), ein Herrschaftsmodus und Team-Deathmatch zur Auswahl. Letzteres wird nochmals in „Vernichtung“ und „Scharmützel“ unterschieden. Trainingskämpfe mit Bots gibt es ebenso. Doch der Reihe nach. Die Duelle sollten selbsterklärend sein: Hier nehmt ihr es immer nur mit einem Gegner gleichzeitig auf, habt ihr diesen besiegt, könnt ihr eurem Kumpanen (sofern vorhanden) noch unter die Arme greifen. Gerade die Duelle profitieren am meisten von dem Kampfsystem und erweisen sich als extrem spannend. Im Herrschaftsmodus probieren vier Helden pro Seite (Angreifer- und Verteidiger) ganz klassisch drei Zonen einzunehmen und am meisten Punkte zu generieren. Interessant ist dabei stets Zone B, die eine sich bewegende Frontlinie darstellt.

Wie bei einem MOBA kämpfen hier KI-Minions um die Verschiebung der Frontlinie, ihr könnt euren Soldaten dabei helfen, indem ihr die feindlichen Minions tötet. Der Herrschaftsmodus spielt sich sehr spaßig, ist aber auch ein gutes Stück chaotischer als die normalen Duelle. Nicht selten werdet ihr es mit mehr als nur einem Gegner zu tun haben, was nahezu unmöglich scheint. Immerhin: Je mehr Spieler es gleichzeitig auf euch abgesehen haben, desto schneller füllt ihr eure Rache anzeige. Dann begebt ihr euch in einen Berserker-Modus, in dem man deutlich mehr Schaden austeilt und einsteckt. Nicht unbedingt realistisch, aber immerhin wahrt Ubisoft somit ein wenig die Balance. Nichts desto trotz hat man alleine gegen zwei Spieler schon schlechte Karten, aber genau das will Ubisoft laut eigener Aussage auch vermitteln.

Scharmützel laufen ähnlich ab wie Herrschafts-Kämpfe, nur ohne die Zonen-Eroberung. Dafür gibt es diverse Buffs, die sich einsammeln lassen und so zum Beispiel eure Verteidigung erhöhen. In Vernichtung stehen quasi 4vs4-Duelle auf dem Programm, ähnlich also den anderen Duell-Modi. Die haben mir insgesamt am besten gefallen, auch Herrschaft macht viel Laune, am wenigsten angetan war ich von den Scharmützeln. Weitere Spielmodi sollten aber in jedem Falle bald folgen, um die Abwechslung aufrecht zu erhalten. Für Motivation sorgt vorerst auch der Fraktionskrieg. Auf einer Weltkarte wird angezeigt, welche Fraktion gerade welches Gebiet hält. Nach jeder Schlacht könnt ihr einzelne Territorien mit erspielten Ressourcen unterstützen. Alle paar Stunden wird die Frontlinie angepasst, nach 15 Tagen beginnt eine komplette neue Runde und nach 10 Wochen eine neue Saison – laut Ubisoft hat das alles durchaus Einfluss auf die Weltkarte und die Maps, es muss sich aber natürlich erst noch zeigen, was in dem System tatsächlich drin steckt. Generell macht es jedoch einen sehr interessanten Eindruck und birgt viel Potential.

Ein weiterer Motivationsfaktor ist die Charakterentwicklung. Je nach Häufigkeit der Benutzung steigt ihr nach und nach in den Rängen der jeweiligen Helden auf und schaltet somit neue Waffen, Rüstungsteile, Monturen, Farbpaletten, Perks oder auch Embleme frei. Zusätzlich erspielt man sich die Währung Stahl, mit der man sich Gaben-Kisten erkaufen kann, die zufällige Items bereithalten. Hier gibt es allerdings Grund zur Kritik: Die Menge an Stahl, die man nach einer Partie verdient, ist nicht gerade hoch. Es dauert also eine ganze Weile, bis man sich neue Kisten leisten kann – wenn man kein Echtgeld reinsteckt. Da sogar schon das endgültige Freischalten aller Helden-Klassen (spielen könnt ihr zwar alle von Beginn an, aufrüsten aber nicht) Stahl kostet, wird man recht schnell dazu verleitet. Glücklicherweise gibt es keinen wirklichen spielerischen Nachteil dadurch: Neue Gegenstände verbessern zwar diverse Skills, senken dafür aber gleichzeitig andere, sodass es keine „Über“-Ausrüstung gibt (man kann aber eben gezielt seine Spielweise fördern), in den Duell-Modi werden die Ausrüstungs-Stats ohnehin nicht angewandt, was ich für eine sehr gute Lösung halte. Dennoch sollte Ubisoft die Stahl-Ausschüttung überdenken bzw. die Kosten für Pakete etc. etwas senken.

Bislang gibt es nur sechs Maps, dafür aber in verschiedenen Variationen (Tages- und Jahreszeit), zudem sollen wir ja später durch die Fraktionskriege die Einflüsse des Krieges merken. Die bisherigen Maps sind immerhin sehr gut designt und warten mit einigen Finessen auf. Abgründe laden dazu ein, Gegnern einen beherzten Stoß zu versetzen. An diversen Schaltern lassen sich Fallgitter aktivieren, die Feinde auch mal zerquetschen oder einschließen können. Auch von Feuer oder Geysiren sollte man sich fern halten. Technisch macht For Honor darüber hinaus einen guten bis sehr guten Eindruck, beeindruckt vor allem mit tollen Effekten, detaillierten Umgebungen und Charaktermodellen sowie weichen Animationen. Schön auch, dass meine bisherigen Sessions allesamt problemlos abliefen, Ruckler gab es so gut wie keine und bislang kann ich auch nur von stabilen Servern sprechen – das Matchmaking fördert allerdings manchmal etwas komische Konstellationen hervor.

Trotz der offensichtlich noch vorhandenen Schwächen und technischen Macken ist Ubisoft mit For Honor ein sehr gutes Online-Spiel gelungen, das sich durch seine zwar eingängige, aber dennoch komplexe Kampfmechanik gekonnt von anderen Spielen abhebt. Selbst das an für sich generische Mittelalter-Setting versprüht seinen ganz eigenen Charme. Zwar müssen sich die Auswirkungen der Fraktionkriege erst noch zeigen, doch auch so ist für die erste Zeit genügend Motivation vorhanden. Ubisoft sollte sich aber nicht allzu lange ausruhen – neue Maps, Ausrüstungsgegenstände und vor allem Modi sind für einen langanhaltenden Spielspaß unabdingbar. Doch das wissen die Franzosen auch. Und gerade das Beispiel Rainbow Six: Siege und auch Steep haben gezeigt, dass Ubisoft auf die Community hört. Und jeden Wunsch kann man nun ja wirklich nicht erfüllen.

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