Resident Evil 7: Capcom entdeckt den Horror neu

Mit Resident Evil 7 schickt Capcom den ersten großen Triple-A-Titel für das Jahr 2017 ins Rennen. Die Erwartungen nach den vielen Vorschusslorbeeren und vielversprechenden Demos und Präsentationen sind nicht gerade gering – zumal die Japaner noch immer Wiedergutmachung für die misslungene Ausrichtung der Traditionsserie in den letzten Jahren leisten müssen. Doch dieses Mal hat Capcom alles anders gemacht. Neuer Schauplatz, neue Gegner, neues Spielgefühl. Und vor allem: Die Rückbesinnung auf alte Stärken.

Als Capcom Resident Evil 7 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellte, war die Überraschung groß. Weg von der klassischen Third-Person-Ansicht, hin zu immersiven Ego-Perspektive. Auf den ersten Blick wirkte Resident Evil 7 so weniger wie ein Ableger der bekannten Horror-Reihe, als vielmehr eine Art Outlast. Immerhin: Nicht der schlechteste Genre-Vergleich, zählt der Titel doch zu den besten Horror-Games der letzten Jahre. Doch Capcom machte schnell klar: Resi 7 sieht auf den ersten Blick vielleicht nicht aus wie ein typisches Resident Evil, hat aber trotzdem allen Grund, als offizieller Teil der Reihe zu gelten. Warum das so ist, wollen wir euch an dieser Stelle aber nicht verraten. Generell werden wir nur so oberflächlich wie möglich auf die Handlung und die Geschehnisse auf der Baker Farm eingehen, wollen wir euch doch möglichst nichts spoilern. Einen Großteil seiner Faszination bezieht Resident Evil 7 nämlich aus seinem Setting, seinen Charakteren und der eigentlichen Story. Und ohne zu viel versprechen zu wollen: In allen drei Punkten hat Capcom hervorragende Arbeit geleistet.

Trotzdem wollen wir euch natürlich die Handlung zumindest umreisen. Ihr schlüpft in die Haut von Ethan Winters, dessen Frau Mia drei Jahre als verschollen und tot galt. Doch plötzlich erhält Ethan eine Email von Mia, dass er sie doch bitte auf der Baker Farm mitten in Louisiana abholen soll. Der lässt sich natürlich nicht zwei Mal bitten und macht sich auf den direkten Weg nach Dulvey, dem verschlafenen Dörfchen, in dessen Nähe sich die Baker Farm befindet. Dort angekommen, stellt Ethan ziemlich schnell fest: Hier stimmt doch was nicht! Die Farm wirkt nicht nur verlassen und marode, eklige Essensüberreste in der Küche (Gedärme, tote Raben) sowie unheimliche Bilder und noch unheimlicheres Knarzen lassen ungutes vermuten. Und tatsächlich: Relativ schnell macht Ethan Bekanntschaft mit der Baker-Familie, die ganz offensichtlich nicht mehr alle beisammen hat. Verrückt, mörderisch und psychopathisch ist da noch völlig untertrieben. Somit bleibt Ethan, und natürlich euch, nur eines: So schnell wie möglich von der Farm abhauen.

Das Ganze findet wie erwähnt aus der Ego-Perspektive statt. Das mag für ein Resident Evil erst einmal sehr ungewöhnlich wirken, hat aber natürlich einen großen Vorteil (oder Nachteil, wie man es eben mit seinen Ängsten nimmt): Ihr werdet direkt in das Spielgeschehen hineingezogen. Vor allem, wenn ihr mit VR-Brille unterwegs sein, lässt sich das komplette Abenteuer doch auch mit Sonys VR-Gerät erleben. In Sachen Atmosphäre ist Resident Evil 7 ein echter Kracher: Vor allem das Gäste- und Haupthaus der Baker Farm sind grandios designt und strotzen nur so vor ekligen, makabren und gruseligen Details.

Eines muss einem klar sein: Der Horror in Resident Evil 7 ist ein gänzlich anderer, als der aus den früheren Episoden. Gut, klammern wir mal ohnehin Resi 5 und 6 sowie die zahlreichen Spin-Offs der letzten Jahre aus, die eher banales Actiongeballer waren. Aber selbst Resident Evil fuhr seinerzeit eher typischen Zombie-Horror auf, gepaart natürlich mit vielen missgestalteten Kreaturen. Die gibt es durchaus auch in Resident Evil 7, aber der Horror fußt dennoch vielmehr auf morbider Natur.

Gerade die Baker-Familie, mit deren Mitgliedern ihr euch immer wieder herumschlagen müsst, ist eher dem Psychoterror zuzuschreiben, wie man ihn beispielsweise aus klassischen Horror-Filmen wie The Texas Chainsaw Massacre kennt – ein Film, an dem sich die Entwickler übrigens sehr bewusst orientiert haben. Der aktuelle Schauplatz, die Baker Farm, stellt da natürlich ein mehr als nur ideales Setting dar, vor allem da Capcom bei dessen Präsentation, wie bereits erwähnt, herausragende Arbeit geleistet hat. Fans der ersten Stunde brauchen nun aber keine Angst haben: Trotz neuem Look, Setting und auch Spielgefühl ist Resi 7 immer noch ein waschechtes Resident Evil. Viele Anspielungen, Details und Bezüge erinnern euch immer wieder daran, in welcher Welt ihr unterwegs seid.

Womit wir bei einem wichtigen Thema wären: Dem Spielgefühl. Capcom hat für Teil 7 den Action-Anteil gehörig zurückgeschraubt. Vor allem die ersten Stunden spielt sich der Titel vielmehr wie ein Adventure aus der Ego-Perspektive. Zwar ist euer direkter Weg mehr oder weniger linear vorgegeben, Raum zur Erkundung gibt es aber dennoch. Wer die Augen offen hält, entdeckt zahlreiche Fotos, Zeitungsartikel oder Notizen, die euch mehr Hintergrundinfos liefern. Oder gerne auch Fragen aufwerfen. Rätsel stehen natürlich ebenfalls auf dem Programm und auch hier fühlt man sich an die älteren Ableger erinnert. So müssen des Öfteren bestimmte Schlüssel gefunden, Schalter umgelegt oder auch kleinere Puzzles gelöst werden. Alles nichts weltbewegendes, aber durchaus nett gemacht und in der Breite abwechslungsreich genug, um die knapp zehn Stunden andauernde Kampagne (Normaler Schwierigkeitsgrad) angenehm genug zu gestalten. Wobei „angenehm“ sicherlich das falsche Wort für Resident Evil 7 ist. Trotz Fokus auf eher morbiden Horror mangelt es dem Titel nicht an ekligen, brutalen und extrem blutigen Szenen – genauer wollen wir nicht ins Detail gehen. Könnten ja Kinder mitlesen!

Heilkräuter, Inventar-Management und knappe Munition sind ebenfalls klassische Merkmale der Traditionsserie, wobei zumindest letztere gar nicht mal so knapp ist. Speichern dürft ihr nur an bestimmten Kassettenrecordern, auch das erinnert an die Schreibmaschinen aus Resident Evil. Allerdings seid ihr in eurer Anzahl nicht begrenzt und vor wichtigen Sequenzen gibt es auch automatische Checkpoints, trotzdem blüht der Charme vor allem des Serien-Erstlings immer wieder auf. Gerade auf dem „Irrenhaus“-Schwierigkeitsgrad, den man erst freischalten muss, erlebt man das wahre Resident Evil – dann könnt ihr nämlich nur auf den Rekordern speichern und nur dann, wenn ihr ein entsprechendes Tape besitzt.

Apropos Tape: Ab und an findet ihr ein Videotape, das ihr in einen Fernseher stecken könnt. Diese „Videoabschnitte“ spielt ihr dann selbst nach – Kenner der Demo-Version werden dabei ein richtig cooles Aha-Erlebnis haben. Zwar hätte es gut und gerne in paar mehr Tapes geben können (vielleicht haben wir aber auch nur nicht alle gefunden), richtig gut gemacht sind diese jedoch allesamt. Ganz ohne Action kommt Resident Evil 7 im Übrigen nicht aus, was aber auch gut so ist. Mit Äxten, Pistolen und gar Maschinengewehren und Flammenwerfern könnt ihr euch eurer Haut erwehren. Zur stupiden Ballerei verkommt Resi 7 glücklicherweise nie, wenngleich wir eingestehen müssen, dass das Spiel zum Ende hin ein wenig den Faden verliert. Trotzdem wird man von Anfang bis Ende bestens unterhalten.

Und genau das ist es ja, was sich Resi-Fans seit Jahren gewünscht haben: Einen neuen Ableger, der sich seiner Survival-Horror-Wurzeln erinnert aber dennoch ein paar neue Wege bestreitet. Insofern hat Capcom mit Resident Evil 7 herausragende Arbeit abgeliefert. Es ist noch nicht alles top – die Rätsel könnten dann doch etwas anspruchsvoller sein und das letzte Spieldrittel wirkt im Vergleich zu den ersten beiden etwas unausgegoren. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Die Atmosphäre ist unheimlich dicht, technisch ist der Titel dank seiner Licht- und Schatteneffekte sehr ansehnlich und die Schauplätze eine Wucht. Und am Ende steht das paradoxe Fazit: Die meiste Zeit hatten wir die Hosen voll, wollten aber unbedingt weiterspielen und herausfinden, was es mit den Bakers auf sich hat und wie das alles in den riesigen Resident Evil-Kosmos passt. Ein größeres Lob kann man dem Titel, gerade nach den verkorksten letzten Jahren, vermutlich nicht machen.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.