Need for Speed versucht sich nach einem Jahr der Ruhe an einem Neuanfang und legt einen Fehlstart hin

Sonic the Hedgehog, Prince of Persia und Tomb Raider – was haben diese drei Spielreihen gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, doch schaut man genauer hin, wird man erkennen, dass alle diese Serien im Laufe der letzten zehn Jahre einen Neuanfang versucht haben, in dem Untertitel und Nummern fallen gelassen und einfach wieder der Ursprungstitel gewählt wurde. Das Ergebnis war allerdings bislang nicht so erfreulich, Sonic und Prince of Persia haben schlechte bis mäßige Neuanfänge hingelegt, Tomb Raider als einzige Reihe den Reboot erfolgreich hingelegt. Da stellt sich natürlich die Frage, wo sich EA Ghosts Need for Speed einreiht. Hat sich das Jahr Auszeit für die Reihe bezahlt gemacht?

Startet man Need for Speed erstmals, so wird man bemerken, dass man nicht ohne weiteres mit dem Spiel beginnen kann. Nicht nur, dass man wenn man kein Xbox Live Gold-Mitglied ist, zum Kauf von Xbox Live Gold Mitgliedschaften aufgefordert (aber nicht gezwungen) wird, man muss sich zusätzlich vor dem Spielstart mit einem EA Account authentifizieren. Ohne Online-Authentifikation läuft in Need for Speed absolut nichts. Auch danach sollte man übrigens eine stabile Internetleitung sein Eigen nennen, wenn man Spaß mit dem Spiel haben möchte, Need for Speed ist nämlich ein Alway Online-Spiel, das selbst im Einzelspieler-Modus sofort ohne zu speichern das Spiel beendet, sobald die Internetverbindung wegbricht. Es dürfte ersichtlich sein, dass das die Lebenszeit des Spiels auch auf ein unbekanntes Datum beschränkt, wenn EA nämlich die Server für Need for Speed abschaltet, ist die Disc nur noch als Frisbee zu gebrauchen.

Hat man sich mit den Online-Voraussetzungen vertraut gemacht, kann man sich in das eigentliche Spiel stürzen. In Need for Speed schlüpft man in die Rolle eines jungen Rasers, der bei einem Straßenrennen aufgefallen ist und nun den Anschluss an eine Gruppe von jungen Rasern und Tunern findet. Die Geschichte des Spiels wird auf zweierlei Weise vorangetrieben. Einerseits gibt es von Schauspielern gespielte Zwischensequenzen, die man aus der Ego-Perspektive verfolgt, andererseits bietet das Spiel deutschsprachige Sprachausgabe, die in Handy-Gesprächen Anwendung findet. Die Geschichte ist halbwegs brauchbar erzählt, ist aber naturgemäß platt, uninteressant und gerne auch mal ein wenig peinlich. Zu Beginn des Spiels nehmen die Sequenzen einen recht großen Raum im Spiel ein, später bringt man aber die meiste Zeit im Auto zu.

Need for Speed

Trotz des Jahres Pause und des Rückzugs auf den Serientitel ohne Untertitel wirkt Need for Speed absolut nicht wie eine Neukonzeptionierung, sondern im Gegenteil wie eine konsequente Weiterentwicklung der letzten Need for Speed-Teile. Wie zuletzt bereits fährt man mit seinem Wagen – den man übrigens sowohl optisch als auch technisch mit der Zeit kräftig aufmotzen kann – durch eine ziemlich großflächige Stadt und muss Missionspunkte anfahren, um storyrelevante Missionen spielen zu können.

Fährt man einfach nur in der Stadt herum, sammelt man allerdings auch bereits Erfahrungspunkte, die den Zugang zu den Modifikationsmöglichkeiten des eigenen Wagens gewähren. Außerdem kann man sich unabhängig von den Missionen lange Straßenrennen mit der Polizei liefern. Sieht eine Streife den Spieler nämlich, wie er die Verkehrsregeln missachtet – und das tut man in Need for Speed naturgemäß eigentlich die ganze Zeit – heftet sie sich an des Spielers Fersen und man muss wahlweise stehen bleiben und sein hart verdientes Geld herausrücken, oder aber die Polizei abschütteln.

Die Missionen selbst sind Rennspiel-Standardkost, seien es normale Rennen gegen mehrere Wagen, ein Sprintrennen gegen einen einzelnen Gegner oder aber Driftwettbewerbe, in denen der Drifter, der die meisten Punkte absahnt, den Sieg nach Hause fährt. In dieser Hinsicht bietet Need for Speed keinerlei Überraschungen. Zu gefallen weiß allerdings die Möglichkeit die Sensibilität der Steuerung den eigenen Bedürfnissen anzupassen. In meinem Fall beispielsweise fand ich die Standardsteuerung zu steif, eine Erhöhung der Sensibilität des Analogsticks hat einen nicht unerheblichen Unterschied gemacht. Was jedoch leider sowohl im Rennen als auch in der Stadt auffällt, ist, dass die Spielgeschwindigkeit für einen Arcade-Racer merklich zu niedrig ist.

Need for Speed

Gerade in Anbetracht dessen, dass Need for Speed sich in Sachen Ästhetik bei Need for Speed Underground bedient, wäre in Sachen Geschwindigkeit mehr zu erwarten gewesen. Weiterhin gilt, wie bereits bei den letzten Need for Speed-Spielen, dass die offene Welt zwar beeindruckend ist, dem Spielfluss aber nicht eben zuträglich ist. Oft benötigt man mehr Zeit, um vom aktuellen Standort zur Mission zu fahren, als um die Mission selbst zu erledigen, zudem ist das Fahren in einer offenen Welt, statt abgesteckten Strecken durchaus ein wenig unangenehmer und weniger geeignet für den schnellen Spaß. Der einzige Vorteil, der diesem spielerischen Nachteil gegenüber steht, dürfte die Kohärenz der Spielwelt sein.

Die Kohärenz war wohl auch der Grund, wieso EA Ghost es nicht für nötig erachtet hat, grundlegende Bequemlichkeits-Features einzubauen. So kann man das Spiel nicht pausieren, wenn man die Karte aufruft, läuft das Spiel erbarmungslos weiter und auch ein schneller Besuch auf dem stillen Örtchen sollte von langer Hand geplant sein. Spielt man online in einer geteilten Spielwelt, mag das noch irgendwie verständlich sein, da das Pausieren eines Spielers zu eigenartigem Verhalten in der Spielwelt anderer Spieler führen würde, doch im Einzelspieler-Modus gibt es hierfür keine Entschuldigung. Ein ungeheuer nerviger Umstand ist auch, dass man Rennen nicht einfach neu starten kann. Stattdessen muss man ein Rennen immer erst beenden, zum Ausgangspunkt der Mission zurückfahren und von vorne beginnen. Solch umständliche Mechanismen sind in einem Arcade-Spiel wirklich vollkommen fehl am Platze – und in dieser Hinsicht waren Rennspiele schon auf Super Nintendo und Mega Drive weiter als Need for Speed es heute ist.

Die Rennen selbst sind halbwegs unterhaltsam, leiden allerdings unter eigenartig klebrigen Gegnern. Egal ob man gut oder schlecht fährt, die Gegenspieler sind stets im Umfeld des Spielers. Weder kann man durch schlechtes Fahren ohne weiteres stark zurückfallen, noch kann man sich merklichen Vorsprung herausfahren. In Sachen Gummiband ist Need for Speed geradezu klassisch. Absolut nicht ersichtlich war im Test, welchen spielerischen Vorteil der Online-Zwang dem Spieler geben soll. In der geteilten Spielwelt ist eine Online-Anbindung natürlich notwendig, aber wenn man alleine spielt, erhält man keinerlei relevante Informationen aus dem Internet, der Verdacht drängt sich auf, dass EA Ghost hier einfach Schikane betreibt und versucht, den Spieler daran zu gewöhnen, sich mit Onlinezwängen gängeln zu lassen.

Need for Speed

Need for Speed ist ein durchschnittliches Open World Arcade-Rennspiel, das es trotz längerer Entwicklungszeit verpasst, neue Reize zu setzen. Stattdessen ist es in vielerlei Hinicht unbequem, ohne sich mit irgendwelchen besonderen Stärken hervorzuheben. Einzig die wirklich beeindruckende Grafik, vor allem in Hinsicht auf Reflexionen und Lichteffekte, die durch die durchgängige Nacht-Optik besonders zur Geltung kommen, geben dem Spiel den Anschein von etwas Besonderem. Immerhin: Dass das Spiel in einigen Jahren ohne Onlineserver nicht mehr spielbar ist, wird in diesem Fall wohl niemanden stören.

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