Im Auftrag ihrer Majestät: Evie und Jacob Frye machen das viktorianische London wieder sicher

Mit Assassin’s Creed Syndicate bringt Ubisoft den insgesamt neunten Teil (gemeint sind die Hauptspiele der Reihe) seiner Spieleserie auf die aktuelle Konsolengeneration. Für den PC wird ACS ebenfalls im November erscheinen. Dieses Mal führt die Serie den Spieler in das London der viktorianischen Zeit. Assassin’s Creed Syndicate ist das erste Spiel der Reihe, welches zwei feste Protagonisten hat. Gleichzeitig ist es der erste Teil der Hauptreihe, der eine Frau in der Führungsrolle hat. Des Weiteren deckt dieses Spiel nur eine recht kurze Zeitspanne im Leben von Evie und Jacob Frye ab. Damit unterscheidet es sich auch in dieser Hinsicht von den anderen Spielen der Reihe. Dort haben die Spieler die Protagonisten, ob nun Altair, Ezio, Connor, Edward, Arno oder Shay, über mehrere Jahre begleitet.

Das Spiel beginnt außerhalb von London, wo die Geschwister Evie und Jacob jeweils ein Ziel haben, welches es zu töten gilt. Gleichzeitig erfährt der Spieler, dass London seit vielen Jahren fest in der Hand des Templergroßmeisters Crawford Starrick ist, der seine Hände in allen Bereichen im Spiel hat. Zu Beginn steht also schon fest, hinter wem die Zwillinge im Lauf der Geschichte her sein werden. Um London endlich aus dem Griff der Templer unter Führung Starricks zu lösen, begeben sich Evie und Jacob in die industriell geprägte Großstadt.

Dort erobern sie unter Anleitung des letzten verbliebenen Assassinen Henry Green nach und nach die Stadt zurück. Dabei haben sie auch Unterstützung von historisch bekannten Persönlichkeiten wie dem Schriftsteller Charles Dickes, dem Biologen Charles Darwin, dem Erfinder Alexander Graham Bell oder nicht zuletzt Ihrer Majestät Queen Victoria höchstpersönlich. Natürlich darf die Suche nach einem der sagenumwobenen Edensplitter auch dieses Mal nicht fehlen. Im Lauf des Spiels kann der Spieler per Knopfdruck zwischen den Protagonisten wechseln. Bei vielen Missionen ist es egal, welcher der Charaktere diese erfüllt. Aber gerade bei den Hauptzielen ist festgelegt, ob Evie oder Jacob zum Zug kommt. In diesem Bereich hat Jacob letztendlich doch die Oberhand.

Assassin's Creed Syndicate

Evie und Jacob entpuppen sich schnell als recht ungleiches Zwillingspaar. Während Evie mit Bedacht vorgeht und lautlos aus den Schatten heraus seine Gegner eliminiert, stürzt sich Jacob am liebsten direkt in jedes Abenteuer und zieht den Nahkampf vor. Evie kommt wesentlich erwachsener herüber. In Jacob dagegen scheint immer noch ein Kindskopf zu stecken. Diese charakterlichen Unterschiede machen sich auch in den sich unterscheidenden Fähigkeitenbäumen bemerkbar.

Generell können beide Protagonisten in den Bereichen Combat, Stealth und Ecosystem verbessert werden. Es empfiehlt sich aber, Jacob anfangs im Kampf zu verbessern, während Evies Stärken im lautlosen Bereich liegen. Zum Ecosystem gehören verbesserte Fähigkeiten wie Fahren oder höhere Einkünfte aus Truhen. Zusätzlich sammeln die Zwillinge Erfahrungspunkte, mit denen sie Skillpunkte freischalten, die in die unterschiedlichen Fähigkeiten investiert werden können.

Die Zwillinge sind in ihrem Kampf gegen die Templer und deren Banden, die die Stadt terrorisieren, nicht alleine. Die beiden sammeln die Rooks um sich, die sich den Assassinen anschließen, wenn einzelne Bezirke befreit werden. Auch die Rooks und ihre Fähigkeiten können gegen Pfund und gesammelte Ressourcen freigeschaltet werden.

Assassin's Creed Syndicate

So können Jacob und Evie bis zu fünf Rooks gleichzeitig rufen, damit diese ihnen im Kampf helfen. Die Zentrale der Assassinen ist dieses Mal kein festes Gebäude, sondern ein Zug, der durch London fährt und bereits recht früh zu Beginn des Spiels erobert wird. Von dort aus können nicht nur die Verbesserungen verwaltet werden, sondern auch Ausrüstungsgegenstände und Waffenerweiterungen gebaut werden. Für beides werden ebenfalls Ressourcen gebraucht, die überall in der Stadt in Truhen zu finden sind. Zusätzlich befindet sich im Zug ein Safe, in dem Einnahmen generiert werden und die die eigene Geldbörse füllen.

Neben der Hauptstory gibt es unzählige Nebenaktivitäten, denen der Spieler nachgehen kann. Um die einzelnen Bezirke von London von den Templern zu befreien, muss jeweils eine Aufgabe erfüllt werden. Dies kann entweder die Befreiung von Kindern aus Zwangsarbeit sein oder das Ausschalten von bestimmten Templerzielen. Der Spieler kann auch der Polizei helfen und gesuchte Personen ausfindig machen. Zudem gibt es Hauptquartiere, die Jacob und Evie ausräuchern müssen. Wurden alle Bezirke eines Stadtteils befreit, kommt es zu einem Bandenkrieg.

Wird dieser gewonnen, gehört der Stadtteil den Assassinen. Neben diesen Missionen können des Weiteren auch Aufgaben für die Verbündeten erledigt werden. Dadurch steigt die Loyalität. Je höher die Loyalität, desto besser sind die Ausrüstungsgegenstände und Erweiterungen, die Evie und Jacob von ihren Freunden erhalten. Besonders unterhaltsam sind Minispiele wie die Fight Clubs, die es in der ganzen Stadt gibt.

Assassin's Creed Syndicate

London ist noch einmal gut 30 Prozent größer als Paris im Vorgänger Assassin’s Creed Unity. Die Spielmechanik und Steuerung sind beibehalten worden und wurden punktuell verbessert. Als neue Features wurden Kutschen sowie der Seilwerfer eingeführt. Die Kutschen sind vor allem als Fortbewegungsmittel sehr nützlich. Trotzdem empfiehlt es sich, die Aussichtspunkte zu synchronisieren, um die Schnellreise freizuschalten. Der Seilwerfer ermöglicht das schnelle Voranbewegen zwischen hohen Gebäuden. Da die Straßen sehr breit sind, spart sich der Spieler so lästiges Auf und Ab.

Der Seilwerfer erinnert sehr an die Batman Spiele. Auch die Kutschen wirken nicht wie eine brandneue Erfindung. Da der Spieler Kutschen überfallen oder mit ihnen Rennen fahren kann, hat man doch ein wenig den Eindruck, in einem GTA im viktorianischen London gelandet zu sein. Nichtsdestotrotz wissen beide Neuerungen zu unterhalten.

Nach dem Desaster zur Veröffentlichung im letzten Jahr Unity steht Ubisoft bei den Fans in der Bringschuld. Das ist ihnen durchaus gelungen. Das Spiel hat keine Probleme mit Frameeinbrüchen, wie es bei Unity der Fall war. Dies liegt auch daran, dass es keine großen Menschenansammlungen gibt wie im Vorgänger. Des Weiteren hat Ubisoft gut daran getan, sich ausschließlich auf den Singleplayer zu konzentrieren und weder Coop noch Multiplayer in das Spiel zu integrieren. Eine Mobile App fehlt ebenfalls. Dieser Fokus macht sich beispielsweise an der Ausarbeitung der Charaktere bemerkbar, die allesamt wesentlich besser durchdacht wirken als noch in Unity. Zudem schafft es Assassin’s Creed Syndicate eine Atmosphäre zu schaffen, die das industrielle London sehr greifbar macht.

Assassin's Creed Syndicate

Trotzdem tut sich Syndicate schwer, an die beliebten Teile Assassin’s Creed 2 oder Assassin’s Creed 4 Black Flag heranzureichen. Das liegt nicht einmal an den beiden Protagonisten, denn gerade Evie braucht sich hinter ihren Vorgängern keinesfalls zu verstecken. Dies liegt eher daran, dass Hauptstory den Spieler nicht so sehr zu fesseln versteht, wie es die genannten Vorgänger geschafft haben. Da ist manche Nebenstory fast schon spannender als die eigentlich Geschichte. Hinzu kommt, dass ACS doch sehr überladen ist an Nebenaufgaben. Diese müssen zwar vom Spieler nicht zwingend erfüllt werden, es ist aber ratsam, beide Assassinen zu einem gewissen Grad aufzurüsten.

Dafür sollte zumindest ein Teil der Nebenquests abgearbeitet werden. Dies wäre im Prinzip noch nicht einmal ein Problem. Allerdings sind die unterschiedlichen Aufgabentypen immer identisch aufgebaut. Sie variieren lediglich in Schwierigkeit und Sekundärzielen. Zudem geht ein wenig das Assassinengefühl verloren, da der Spieler fast gänzlich aufs Klettern verzichten kann. Natürlich ist dies der Größe der Stadt geschuldet. Trotzdem kamen Städte wie Venedig oder Havanna viel eher dem Stile eines Assassinen entgegen.

Nicht zuletzt gibt es einen großen Kritikpunkt an Assassin’s Creed Syndicate, der vor allem von der Fangemeinde benannt wird. Die parallele Geschichte in der Moderne wird seit dem Ende von AC3 nur sehr schleppend vorangetrieben. Daran hat sich auch jetzt nichts geändert. Der Spieler bekommt nur CGI Einspieler zwischen den Sequenzen, die dem Spieler erklären, was in der Zwischenzeit mit den Assassinen der Moderne passiert. Das ist sehr schade, da die Reihe auch immer von den Ereignissen von heute gelebt hat. Hoffnung macht da der Film, der im Laufe des nächsten Jahres erscheinen soll und diesen Teil der Geschichte vorantreiben könnte.

Assassin's Creed Syndicate

Assassin’s Creed Syndicate ist gewiss kein schlechtes Spiel und verspricht viele Stunden Spielspaß. Freunde von Abenteuern und mit Interesse an Historie kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass in Bezug auf London größer nicht unbedingt besser sein muss. Jacob und allen voran Evie wissen zu begeistern und sind wesentlich charismatischer als ihr Vorgänger Arno. Zudem schadet es dem Spiel keinesfalls, dass es sich Elemente anderer Spiele geliehen hat. Sie fügen sich in das Szenario ein und wirken keinesfalls fehl am Platz.

Dennoch bleibt es dabei, dass sich Syndicate nicht wie die älteren Teile anfühlt und durchaus hinterfragt werden darf, ob gerade Jacobs Vorgehensweise überhaupt zu einem Assassinen passt. In Anbetracht der Konkurrenz, die jetzt erschienen bzw. noch erscheinen wird, werden sich die Spieler wohl genau überlegen, ob sie jetzt zu Assassin’s Creed Syndicate greifen sollen oder doch erst einige Wochen nach Veröffentlichung.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar