Assassin’s Creed Unity: Der König ist tot, lang lebe der König

Wenngleich Assassin’s Creed mit dem vierten Teil den aktuellen Konsolen gleich zum Erscheinungstag einen ersten Besuch abgestattet hat, kann man doch mit einigem Recht behaupten, dass dies zunächst ein Start mit angezogener Handbremse war, handelte es sich hier doch um einen reinen Port des Last-Gen-Originals. In diesem Jahr feiert nun Assassin’s Creed Unity das echte Debüt in der neuen Konsolengeneration und verspricht gleich einen gründlichen Neuanfang Schluss ist Segeln und stattdessen werden endlich wieder grundlegende Überarbeitungen der Basis-Spielmechaniken der Reihe versprochen. Ob Assassin’s Creed Unity den großen Versprechen gerecht wird, erfahrt ihr in diesem Test.

In Assassin’s Creed Unity schlüpft man in die Rolle des Franzosen Arno, dessen Ziehvater ein Templer ist, der jedoch nicht nur am Frieden zwischen Templern und Assassinen interessiert ist, sondern zudem darauf verzichtet, den jungen Arno der Doktrin der Templer auszusetzen. So geschieht es, dass Arno inmitten der französischen Revolution in einem Gefängnis der Assassinen-Bruderschaft beitritt und – nach dem gewaltsamen Ende des Lebens seines Ziehvaters dessen Mörder ins Visier nimmt. Der Spieler übernimmt dabei die Rolle eines Kunden Abstergos, der von Assassinen-Hackern dazu bewegt wird, sich dem Kampf gegen Abstergos eigenartige Suche nach genetischem Material der vorzeitlichen Zivilisation im menschlichen Genom anzuschließen. Hierzu muss er, wie könnte es anders sein, weite Teile des Lebens Arnos durchleben und den Großteil der französischen Revolution hautnah in Paris mit ansehen.

Spielerisch haben die Entwickler von Ubisoft Montreal für ihr vorerst letztes Assassin’s Creed – die Entwicklungsverantwortung wird künftig bei Ubisoft Quebec liegen – sich auf die Grundlagen der Reihe konzentriert und versucht, die drei Säulen des Gameplays, Klettern, Kämpfen und Schleichen wieder in den Vordergrund zu holen, nachdem sie, teilweise bedingt durchs Setting in Teilen 3 und 4 ein wenig in den Hintergrund gerückt sind. Anders als karibische Inseln und Nordamerika zu Zeiten des Bürgerkriegs ist Paris zur Zeit der Französischen Revolution nämlich ein echtes Paradies für Fassadenkletterer und wer imposante Gebäude mit besonders reizvollen Kletter-Gelegenheiten besonders in den USA und Assassin’s Creed 3 vermisst hat, darf sich hier über solch anspruchsvolle Klettergelegenheiten wie Notre Dame und den Eiffelturm freuen.

Doch ist nicht nur das Setting dafür verantwortlich, dass das Klettern wieder mehr Spaß macht, sondern insbesondere auch die rundum überarbeitete Steuerung. Wie gehabt rennt man mit gedrückt gehaltener RT-Taste, allerdings reicht das nicht aus, um an Häuserwänden empor zu klettern. Stattdessen spielen die Knöpfe A und B nun eine ganz entscheidende Rolle im Zusammenspiel mit RT. Während der A-Knopf bedeutet, dass Arno sich nach oben bewegen soll, also im Rennen Hindernissen nach oben hin ausweicht und an Häuserwänden hochklettert, kann man mit dem B-Knopf den unteren Weg verordnen. Das bedeutet, dass Arno beispielsweise unter Hindernissen hindurch rutscht, oder aber, wenn er sich gerade auf einem Gebäude befindet, nach unten klettert. Erfreulich ist das vor allem, da auf diese Weise der Absprung von einem Gebäude nicht mehr mit der gleichen Tastenbelegung erfolgt, wie weiteres Hochklettern – eine ganze Reihe unnötiger Tode bleibt so vermieden. Ein weiterer guter Effekt ist, dass die Kletterei wesentlich interaktiver und auch anspruchsvoller ist als in den Vorgängern – wenngleich man natürlich weiterhin keine haarsträubend komplexen Klettereien im Stil von Prince of Persia Warrior Within hinlegen muss. Leider erweist sich das Klettern aber immer noch als etwas problematisch wenn man beispielsweise versucht, in ein Fenster hineinzuklettern oder an einer Wand herunterzuklettern, da gewisse Eingaben uneindeutig sind und das Spiel sie dann gerne mal falsch interpretiert.

Auch in Sachen Kampf wurde ein wenig poliert. Die grundlegende Steuerung, B zum kontern, X zum angreifen und A zum ausweichen, ist zwar unverändert, doch wurde der Konter deutlich geschwächt und viele Fähigkeiten, wie das Luftattentat wurden zu optionalen Fähigkeiten, die man im Spielverlauf kaufen muss, degradiert. Auch die Tötung aus dem Hinterhalt dauert nun bedeutend länger und stellt besonders in Stealth-Situationen ein echtes Risiko dar. Zu guter Letzt wurde auch das Stealth-System merklich überarbeitet. Zwar kann Arno weiterhin in der Masse untertauchen, sich in Heuballen verstecken oder durch hohes Gras pirschen, man kann aber ab Assassin’s Creed Unity auch manuell gebückt gehen, um sich von hinten lautlos an Gegner heranzuschleichen. Wie in einem Cover-Shooter kann Arno zudem nahezu jeden Vorsprung auch als Deckung verwenden, um ungewünschten Blicken zu entgehen. Wird Arno doch einmal entdeckt, wird durch eine weiße Silhouette angedeutet, wo die Wache ihn vermutet.

Auffällig ist, dass Ubisoft Montreal einen großen Fortschritt in Sachen Tutorials gemacht hat. Das letzte Mal, als das Spielsystem von Assassin’s Creed so signifikant überarbeitet wurde wie in Unity, war beim dritten Teil vor zwei Jahren. Damals wurde fast die gesamte erste Hälfte die Handbremse kräftig angezogen und der Spieler musste zunächst einmal mit einem anderen Protagonisten, dann mit dem eigentlichen Helden in Kindgestalt spielen – stets in sehr eingeschränktem Gebiet und stets ohne Erkundungsmöglichkeiten. In Assassin’s Creed Unity gibt es zwar auch eine kurze Kindheitsszene, aber schon nach wenigen Missionen kann man die Stadt Paris nahezu komplett erkunden, selbst die frühen Missionen, die dem Spieler – ausreichend behutsam – die neuen Spielmechaniken näher bringen, fühlen sich nicht an, wie eine Anleitung, sondern machen bereits eine Menge Spaß und sind abwechslungsreich gestaltet.

Paris ist wohl die lebhafteste Stadt, die Ubisoft bisher in einem Assassin’s Creed umgesetzt hat. Das zeigt sich nicht nur in der enormen Zahl an NPCs, die die Stadt bevölkern und angeregt protestieren, sondern insbesondere daran, dass man nun erstmals wirklich frei durch Gebäude hindurch laufen kann, indem man durch offene Fenster stürmt. Spielerisch mag das eher weniger gehaltvoll sein – wenngleich es durchaus eine gewisse Rolle im Spieldesign spielt – es gibt aber den Gebäuden im Spiel eine gewisse Glaubwürdigkeit, die jedenfalls den normalen Wohngebäuden in vergangenen Spielen ein wenig gefehlt hat. In der Hinsicht ist es leider besonders ärgerlich, dass die Entwickler sich hier ein wenig übernommen zu haben scheinen. Assassin’s Creed Unity steckt nämlich voll mit Bugs und weckt in der Hinsicht unangenehme Erinnerungen an Assassin’s Creed 3.

Besonders das Verhalten der gewöhnlichen Bevölkerung Paris’ ist bisweilen äußerst gewöhnungsbedürftig, wenn beispielsweise ein Passant einfach geradewegs auf einen Heukarren zuläuft, direkt vor dem Karren magisch in die Luft gehoben wird, über den Karren läuft und danach in einem Ruck wieder nach unten gesetzt wird. Solche Ereignisse, zusammen mit zahlreichen Clipping-Fehlern stören die Glaubhaftigkeit der Stadt gewaltig. Besonders heftig stört allerdings, dass das Spiel offenbar einige massive Speicherlecks hat, so dass die Konsole, wenn man das Spiel einige Stunden spielt, oder aber gar das Spiel nicht beendet zwischen Spielsessions, sondern die Xbox One einfach nur in den Ruhemodus versetzt, heftig ins Stocken gerät – selbst im Hauptmenü. Abstürze – leider keine absolute Ausnahme in Unity – wiegen besonders schwer bei Koop-Missionen, die keine Zwischenspeicherenthalten. Hier muss Ubisoft im nächsten Jahr auf jeden Fall deutlich mehr Arbeit investieren und das Spiel im Zweifel besser verschieben, statt es in solch einem Zustand auf den Markt zu werfen.

Doch trotz dieser bisweilen durchaus amüsanten Fehler kommt man nicht umhin anzuerkennen, dass das Team sich redlich Mühe gegeben hat, die Missionen im Spiel abwechslungsreicher und besser zu gestalten als in den jüngsten Serienteilen. Die verschiedenen Elemente werden in den einzelnen Missionen gekonnt miteinander verknüpft und erstmals seit dem Erstling gibt es auch wieder ein wenig mehr Freiheit in der Vorbereitung von Attentaten. Waren Attentatmissionen seit dem zweiten Teil stark geskriptet und verlangten vom Spieler eindeutig, entweder brachial oder geheim vorzugehen, wird dem Spieler nun in einigen komplexeren Missionen die Wahl gegeben, wie er vorgeht. So gibt es verschiedene Gelegenheiten, ein bestimmtes Attentat zu begehen und der Spieler kann selbst die Situation so gestalten, wie sie ihm am besten gefällt. Diese freieren Missionen geben das Gefühl eines Assassinen so gut wieder wie zuletzt der erste Teil, ohne die massive spielerische Redundanz des ersten Teils gleich wieder mit zu bringen. In Sachen Missionsdesign ist Assassin’s Creed Unity wohl das beste Assassin’s Creed bislang.

Bevor wir zur Technik kommen, werfen wir auch noch einen kurzen Blick auf den Mehrspieler-Modus. Es gibt einige optionale Missionen im Spiel, die online mit bis zu drei menschlichen Mitspielern im Team gespielt werden können. Hierfür ist allerdings erwartungsgemäß Xbox Live Gold auf der Xbox One erforderlich. Es ist zwar auch möglich, die Missionen „privat“, also alleine, zu spielen. Allerdings sind die Missionen hierauf überhaupt nicht ausgelegt und durch die schwierigen und langen Kämpfe für Einzelspieler bedeutend zu schwierig. Jeder Spieler schlüpft in diesen kooperativen Missionen in die Rolle Arnos, für die anderen Spieler wird allerdings ein etwas anderer Charakter dargestellt, zur Vermeidung von Verwirrungen. Diese gemeinsamen Missionen sind stark Kampf- und Stealth-orientiert, sind aber erfreulich gut in die Geschichte des Spiels integriert. Da man sich in Assassin’s Creed Unity laut Story in einem Unterhaltungsprodukt von Abstergo befindet, handelt es sich bei den anderen Spielern schlicht um andere Nutzer dieses Produkts, denen man bei schwierigen Aufgaben zur Seite steht. Auch die Mehrspieler-Missionen sind gut gestaltet worden, sind aber tatsächlich optional. Auch wer Offline spielt, wird Assassin’s Creed Unity nicht als Sparprogramm wahrnehmen.

Technisch ist Assassin’s Creed Unity ein zweischneidiges Schwert. Wie bereits angesprochen gibt es eine ganze Reihe von unschönen Bugs, hinzu kommen technische Probleme besonders in Sachen Framerate, gerne aber auch Clipping-Probleme. Besonders Zwischensequenzen erweisen sich auf der Xbox One als instabil, im eigentlichen Spiel ist die Framerate zwar ebenfalls nicht sehr hoch, aber stabil genug, dass es die Spielbarkeit nicht einschränkt. Rein optisch ist Assassin’s Creed Unity eines der, wenn nicht das beeindruckendste Spiel in der neuen Konsolengeneration. Grund hierfür ist die fantastische Beleuchtung, die in einigen besonders schönen Momenten dermaßen gut ist, dass man einige Gebäude fast für abfotografiert halten könnte. Auch die Animationen der Charaktere sind sehr gut gelungen, im Gegenzug sehen die Haare allerdings ausnehmend hässlich aus und sind immer noch auf dem schwachen Niveau der letzten Generation – deutliche Treppchenbildung inklusive. Die technischen Probleme in Assassin’s Creed Unity sind so früh in der Generation echt bedenklich, andererseits sollten Fans der Reihe keine allzu großen Sorgen haben: Wer Assassin’s Creed 3 durchspielen konnte, der wird auch mit den Framerate-Problemen in Unity leben können, denn im Vergleich zum dritten Teil läuft Unity geradezu butterweich. Nichtsdestotrotz: Im 2015er Assassin’s Creed Victory sollte Ubisoft Quebec auf jeden Fall ein besonderes Augenmerk auf die Bereinigung der Framerate-Probleme legen.

Assassin's Creed UnityWie man es bereits seit Jahren von Assassin’s Creed kennt, wird auch Assassin’s Creed Unity übrigens wieder von einem Lösungsbuch aus dem Hause Piggyback begleitet. Neben einer kleinen Anleitung, die alle Spielelemente erklärt – praktisch, in Anbetracht dessen, dass Ubisoft wie so viele andere Publisher mittlerweile keine Anleitungen für seine Spiele mehr beilegt, sind in dem über 300 Seiten starken Buch sämtliche Haupt- Neben- und Koop-Missionen beschrieben. Die Missionen werden ausführlich bebildert vollständig beschrieben. Um Orientierungsproblemen vorzubeugen, haben die Macher des Lösungsbuchs Screenshots mit Pfeilen versehen, die genau anzeigen, wo man entlang laufen muss und selbst in welchen Situationen man agieren muss, um aus dem Hinterhalt anzugreifen. Leider gibt es aber keine milderen Übersichtsstrategien, die dem Spieler einen Richtungszeig geben könnten, ohne die gesamte Lösung sofort darzulegen. Eine Analyse der Geschichte, Übersichten über die verschiedenen Sammelgegenstände und Geheimnisse, sowie eine Karte im Poster-Format runden das Gesamtpaket des Lösungsbuches ab. Wer wirklich alles in Assassin’s Creed Unity finden und sammeln möchte, wird in dem Piggyback-Lösungsbuch einen kompetenten Partner finden, wenngleich wir davon abraten würden, das Lösungsbuch zum Durchspielen der Missionen zu verwenden.

Assassin's Creed Unity

Assassin’s Creed Unity ist das bislang beste Assassin’s Creed und daher für Fans der Reihe ein Pflichtkauf. Gleichzeitig muss man Ubisoft aber auch massiv rügen, dass sie dem Spiel den nötigen Feinschliff verwährt haben, um eine wirklich runde Spielerfahrung zu schaffen. Hier hätte man sich an Warner Bros. orientieren sollen und das Spiel im Zweifel noch einmal ein halbes Jahr verschieben, dafür dann aber weitgehend fehlerfrei auf den Markt bringen sollen. Im Ergebnis ruiniert man sich ausgerechnet mit einem der ambitioniertesten Spiele der Reihe den Ruf und riskiert, dass die deutlichen spielerischen Fortschritte hinter den technischen Unwegsamkeiten in den Hintergrund rücken.

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